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Zwei Personen stehen nebeneinander und tragen Jacken, an deren Brust jeweils ein runder Knopf mit der Aufschrift omas für Zukunft befestigt ist. Die Köpfe sind aus dem Bild herausgeschnitten. Sieben ältere Frauen sitzen in einem gemütlichen Raum um einen Tisch herum, diskutieren und machen sich Notizen. Karten, Papiere und Kaffeetassen stehen auf dem Tisch. Auf einem Schild an der Wand steht "omas for future".

Sieben ältere Menschen sitzen an diesem Abend im Kulturcafé Paletti um einen Tisch. Manche schon deutlich ergraut, andere noch ohne silberne Strähnen. Dass es sich bei dieser Runde mitnichten um eines der klischeehaften Rentner-Kaffeekränzchen handelt, bei denen über das jüngste Zipperlein beraten wird, merkt man spätestens beim Näherkommen.
Diese Runde diskutiert munter über die aktuelle Kommunal- und Bundespolitik, Klima- und Umweltschutzthemen und die nächste „Aktion“. „Willkommen bei den Omas und Opas for Future!“, begrüßt eine der Frauen und stellt sich als Rita Wolfstätter vor. Die erste Frage: „Tee? Kaffee? Ein Saft?“ Auf dem Tisch stehen schon mehrere Tassen, Gläser und Flaschen, dazwischen liegen Unterlagen und Flyer. „Leider sind wir heute nicht alle“, entschuldigt Wolfram Betz. Etwa 15 Personen sind sie bei den Treffen normalerweise.

Alle sind willkommen bei den Omas for Future
Seit 2021 gibt es die Omas und Opas for Future (O4F) Ortsgruppe Schwäbisch Gmünd, zwei Gründungsmitglieder sind an diesem Abend dabei: Anna Waizmann und Rita Wolfstätter. Über Annoncen und Bekanntschaften wurden es stetig mehr. Neue Mitglieder sind immer willkommen, betonen alle. „Wir heißen zwar ‚Omas und Opas‘, sind aber eigentlich für alle offen“, betont Elisabeth Duarte Neto. „Egal, ob man Enkel hat oder nicht.“
Der Name rühre eher daher, dass die Generationen 50+ gesellschaftlich eine große Rolle spielen. „Wir sind die geburtenstarken Jahrgänge, wir machen einen großen Teil der Wählerstimmen aus und sitzen auf vielen Entscheidungspositionen“, erläutert Rainer Reusch, mit 85 Jahren das älteste Mitglied der Ortsgruppe. Da ergebe es Sinn, sich mit Anliegen zum Klima- und Umweltschutz auch an diese Bevölkerungsgruppe zu wenden, statt nur an die Jungen. „Wir kämpfen für die Zukunft aller Enkelkinder dieser Welt.“
Positive Ansätze, statt negative Kritik
Das „für“ ist dabei ein wichtiges Wort. „Anti-Bewegungen sind oft nach ein paar Jahren wieder weg vom Fenster“, zuckt Anna Waizmann mit den Schultern. „Wir glauben, dass es mehr Beständigkeit hat, für etwas zu sein.“ Dabei sei ein gemeinsames Ziel essenziell. Vier Säulen sind das in diesem Fall: Klimaschutz, Gesundheit, Visionen von morgen und Kreislaufwirtschaft. Darauf stützen sich alle Regionalgruppen der Omas und Opas for Future. In ihrer inneren Organisation und ihren Aktionen sind sie trotzdem eigenständig – das erhöhe die Selbstwirksamkeit, erläutert Elisabeth Duarte Neto, Lehrerin im Ruhestand. „Die Gruppe ist irgendwie lebendiger als die kirchlichen Gruppen, die ich so erlebt habe“, ergänzt Dorothea Brecht. Das Gefühl, selbst etwas tun und – zumindest im Kleinen – bewirken zu können, gefällt den Mitgliedern von O4F.
„Vor großen Veränderungen haben die Leute eher Angst, als vor kleinen Schritten“, meint Wolfram Betz. Das wolle man auch den Menschen näherbringen, die zu Aktionen der O4F kommen oder an ihre Infostände: Dass man etwa nicht gleich komplett vegan leben muss, sondern einfach bewusster und weniger Fleisch essen kann. Dass man nicht das Auto verschrotten muss, sondern kürzere Strecken – je nach Mobilität – auch mal zu Fuß oder mit dem Rad zurücklegen kann. Dass man Obst und Gemüse nach Möglichkeit saisonal und regional kauft.

Was Selbstwirksamkeit mit Klimaschutz zu tun hat
In der Psychologie spricht man von „Selbstwirksamkeit“. Das Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung geht auf den Psychologen Albert Bandura zurück, der es um 1970 entwickelte. Dieses Gefühl entsteht, wenn man selbst Handlungsmöglichkeiten hat. Noch besser ist es, wenn die Ergebnisse des eigenen Handelns sichtbar sind – zum Beispiel weniger gelbe Säcke, die man auf die Straße stellen muss, oder geringere Ausgaben für Benzin, weil man jetzt öfter den ÖPNV oder das Fahrrad nutzt. Das Gefühl von Selbstwirksamkeit kann demnach sehr effektiv sein, um Menschen zum Handeln anzuregen.
„Zu den Vorteilen von Interessensverbänden wie den Omas for Future zählt, dass Individuen Ziele erreichen, sich mit einer Gemeinschaft identifizieren, aber auch sich selbst ausdrücken können“, zählt Helmar Schöne, Professor für Politikwissenschaft an der PH Schwäbisch Gmünd, auf. „Vereinigungen sind essentiell für offene, lebendige Demokratien. Sie bringen aber auch Herausforderungen für die politische Gestaltung mit sich: Je pluraler und vielfältiger die artikulierten Interessen, desto schwieriger kann der Interessenausgleich und die politische Entscheidungsfindung werden.“

Wie man im Kleinen nachhaltig handeln kann
Tipps für nachhaltigeres Leben sind auch in den kleinen Heftchen zu finden, die der Verband Omas und Opas for Future herausgibt. „Komm mit nach Morgen“, heißt eines davon. Es enthält Zahlen zum CO₂-Abdruck des Autoverkehrs in Deutschland, Wasserverbrauch von bestimmten Lebensmitteln, Erläuterungen zu den Vorteilen von Schwammstädten und grüner Urbanität – aber auch kleine Checklisten und spielerische Aufgaben für diejenige, die das Heft lesen: Beim Spaziergang Müll aufsammeln, Standby-Modus vermeiden, Fahrten unter fünf Kilometern mit dem Rad statt mit dem Auto fahren, einen Sparduschkopf nutzen.

Viel Dankbarkeit und Unterstützung aus der Bevölkerung
„Mit solchen kleinen Vorschlägen kann man die Leute viel eher erreichen, als mit lauter Verboten“, ist Duarte Neto überzeugt. „Wir sind ja alle nicht heilig und auch nicht perfekt.“ Es gelte, zu überlegen, was man in seinem Lebenswandel tatsächlich umsetzen könne. Die O4F setzen auf positive Gefühle, statt negative Beschuldigungen. Auch hier gibt ihnen die Wissenschaft recht: Menschen empfinden nicht gerne Schuld. Laut einer Umweltbewusstseinsstudie, die in zehn Ländern durchgeführt wurde, hat jedoch unter der jungen Bevölkerung etwa die Hälfte Schuldgefühle in Bezug auf das Klima. „Das bringt uns aber nicht weiter“, betont Duarte Neto. Als ehemalige Lehrerin weiß sie: Zeigt man positive Vorbilder und Handlungsmöglichkeiten auf, motiviert das viel eher, als ständig die (vermeintlichen) Fehler und Schwächen hervorzuheben.
Das merken die Mitglieder auch bei ihren Aktionen und Infoständen. „Viele Leute sind dankbar und unterstützen uns und unsere Ziele“, berichtete Wolfram Betz. Gleichwohl erfahre man auch Ablehnung und Gleichgültigkeit. Dass das Engagement in Interessengruppen auch schwierig sein kann, sieht auch Professor Schöne: „Zu den Nachteilen zählt heutzutage sicher auch, dass sich engagierte Menschen angreifbar machen. Wer mit Engagement etwas erreichen möchte, muss dies zudem kontinuierlich und hartnäckig tun, muss also bereit sein, Zeit zu investieren.“

Kein Verein, keine NGO
„Manche nehmen uns nicht für voll“, ergänzt Heide Reusch. Vielleicht, weil sie ja alle schon etwas älter sind, vielleicht, weil sie die Hoffnung nicht aufgeben, vielleicht auch, weil sie kein „echter“ Verein oder NGO sind. Letzteres hat aber auch Vorteile: „Friedrich Merz und seine CDU könne uns gar nichts“, grinst Betz und spielt damit auf den Vorstoß der CDU Anfang des Jahres an, die staatliche Förderung von NGOs zu hinterfragen. Die waren den Christdemokraten teilweise nicht „neutral“ genug für eine staatliche Förderung, etwa die „Omas gegen Rechts“. Die Anfrage zog massive Kritik nach sich. Aber wenn sie kein Verein sind, und auch keine NGO – was sind die O4F dann ? „Wir sind eine Bewegung!“
Das merken die Mitglieder auch bei ihren Aktionen und Infoständen. „Viele Leute sind dankbar und unterstützen uns und unsere Ziele“, berichtete Wolfram Betz. Gleichwohl erfahre man auch Ablehnung und Gleichgültigkeit. Dass das Engagement in Interessengruppen auch schwierig sein kann, sieht auch Professor Schöne: „Zu den Nachteilen zählt heutzutage sicher auch, dass sich engagierte Menschen angreifbar machen. Wer mit Engagement etwas erreichen möchte, muss dies zudem kontinuierlich und hartnäckig tun, muss also bereit sein, Zeit zu investieren.“

Dorothea Brecht
Author: Dorothea Brecht